Lesestoff: „Der leise Atem. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise“


Langsam voran – im Schritttempo erforscht Ulrich Grober die Lage der Nation in puncto Nachhaltigkeit.

Eine Rezension von Hanne Tügel

Ulrich Grobers Interesse gilt seit Jahrzehnten den Themenfeldern, die auch unser Netzwerk beschäftigen: Ökologie, Nachhaltigkeit, Zukunftsvisionen. In seinem aktuellen Buch, das bereits 2016 erschien, setzt er diese Begriffe in Beziehung zum großen Ganzen: zu Natur, Kultur und Geschichte, zu Politik, Wirtschaft, Philosophie und Sinnfragen.

Es gibt viel von diesem Autor zu lernen. Von seinem umfassenden Wissen, seiner tiefen Naturverbundenheit, seiner Begeisterungsfähigkeit – und von seiner ausgeruhten, oft poetischen Erzählweise. Grober nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf Wanderungen durch Deutschland: in den Schwarzwald, in die Autostadt Wolfsburg, auf Kohlehalden im Ruhrgebiet, in das Kloster, in dem Meister Eckhart gepredigt hat, durch Auenwälder und Streuobstwiesen. Storytelling im Fußgängertempo also.

„Der leise Atem der Zukunft“ ist im oekom Verlag erschienen. (Copyright: oekom Verlag)

Wie gut das funktioniert, zeigt gleich das erste Kapitel, das auf den Spuren eines Märchens in den Schwarzwald führt. „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff ist eine Parabel von Gier und Gefühllosigkeit: Weil ihm unermesslicher Reichtum versprochen wird, tauscht der arme Köhlerjunge Peter sein Herz gegen einen Stein ein, und wird ein gefühlloser Reicher. Die Erzählung stammt von 1826; damals gab es im Schwarzwald neben bitterer Armut glänzenden Wohlstand der Anteilseigner der Holz-Compagnien, die den verschuldeten Landesherren Konzessionen für den Wald abgekauft hatten. Ergebnis: „Um 1800 war ein Drittel des württembergischen Schwarzwaldes abgeholzt.“ Die besten Stämme gelangten nach Holland und wurden zu Planken von Schiffen, in denen Sklaven und „Colonialwaren“ durch die Weltmeere geschippert wurden. Heute ist der einstige Wald aus edlen Weißtannen als Fichtenforst auferstanden. Die großen Kahlschlag-Profite kommen inzwischen aus Regenwaldländern. Davon profitiert zum Beispiel die schwäbische Firma Stihl, der Weltmarktführer für Kettensägen.

Weite Bögen zwischen Orten und Zeiten zu spannen, lehrreich, originell, ohne akademische Abgehobenheit, das ist die Stärke von Grobers Schilderungen. Der Autor kennt sein Metier; sein 2010 erschienenes Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ gilt inzwischen als Standardwerk. Im neuen Band kombiniert er souverän und mit leichter Hand Adorno und Allmende, Bärlauch und die Beatles, Niko Paech und Nietzsche, Occupy und Ötzi, die Schwarmintelligenz und Schalke 04.

Bewusste Verlangsamung entlarvt die Eiligen. Mit Wanderstöcken läuft Grober in die Autostadt Wolfsburg ein. Dort erlebt er durchaus noch den „Thrill“, der dort mit Geschichten von PS-Stärke und Geschwindigkeit noch gefeiert wird. Aber er spürt auch, dass die „große Erzählung“ von immerwährender Beschleunigung an ein Ende gelangt: „’Beschleunigung‘ ist im 21. Jahrhundert zum Synonym für Stress, für zerstörerische und selbstzerstörerische Prozesse geworden.“

„The road of excess leads to the palace of wisdom“, hat der englische Dichter und Naturmystiker William Blake (1757-1827) geschrieben. Dass Übermaß zum „Palast der Weisheit“ führt, glaubt und hofft auch sein wandernder Nachfolger. Auf seinen Streifzügen entdeckt Grober in vielen lokalen und unspektakulären Projekten den „leisen Atem der Zukunft“. Weil die Grenzen des Wachstums und der Beschleunigung zu den einfachen, grundsätzlichen Fragen zurückführen: Wozu das Ganze? Welche Auswege gibt es aus dem „immer mehr“?

Grobers Vision ist keine Industrie 4.0 voller Ökotechnik und altem Macherwahn im neuen Gewand. Er setzt auf den „Mut zum Weniger“, auf Vernetzung und Lebendigkeit. Was wird auf Dauer stärker sein – die Gier oder die Biophilie, die „Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen“? In Wilhelm Hauffs Märchen verhilft ein Zauberer zum Happy End. Grober vertraut auf ein anderes Bild: dass „im Schoß des Alten das Neue entsteht“ – so wie die schimmernde Perle in der „in der harten, schwarzen, rauen Schale der Muschel“ heranwächst.

Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise
oekom, 2016
320 Seiten, 19,95 Euro
ISBN-13: 978-3-86581-807-2

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