Neuer Freiraum für unterbelichtete Themen: Die Ideen der Riffreporter


Korallenriffe – ein Vorbild für Journalismus? (Foto: Tony Shih/flickr.com, CC BY-ND 2.0)

Kooperativer Qualititätsjournalismus – so ließe sich der Anspruch der Riffreporter formulieren. Seit knapp einem Jahr ist das Online-Projekt am Start, mit Schlagzeilen wie „Hört die Signale!“, „Was wir aus dem Sommer der Fluten und Stürme lernen können“ oder „Die zweite Stufe der Klimaforschung“. Wollen sich die Riffreporter also um Nachhaltigkeitsthemen kümmern – und besteht die Chance, da mitzumischen? Netzwerk Weitblick hat Christian Schwägerl aus dem Gründungsteam befragt.

Christian, die Riffreporter beschreiben sich als „neues Ökosystem für freien Journalismus“. Was kann man sich konkret darunter vorstellen?

Wir erproben etwas Neues: Im Riff schließen sich journalistische Gründungen von professionellen freien Journalistinnen und Journalisten zusammen, die sogenannten Korallen. Sie teilen sich eine multimediale Publikationsplattform, einen Qualitäts- und Ethikkodex, Erlösmodelle und Kooperationstools mit dem Ziel, kooperativ erfolgreicher zu sein als einzeln.

Journalismus ist bisher in Verlagen und Sendern mit Redaktionen und Hierarchie organisiert. Wir wollen durch unsere kooperative Organisationsform den freien Journalistinnen und Journalisten einen neuen Freiraum eröffnen: Riffreporter soll den Aufwand, ein journalistisches Projekt zu gründen und zu betreiben, deutlich senken, die Aufmerksamkeit für die Projekte erhöhen, kooperativ Publikum gewinnen und es erleichtern, gemeinsam dazuzulernen.

Dabei wollen wir auch Grafiker, Programmierer, Übersetzer und andere kreative Berufe zum Mitmachen gewinnen, denn wir sehen Journalismus als kreative Teamarbeit. Daher die Metapher vom Ökosystem Korallenriff: Wir stehen für Vielfalt, Tiefgang, Kooperation.

In einigen Korallen und Beiträgen geht es schon jetzt um Themen nachhaltiger Entwicklung – sei es Artenschutz, die Klimaproblematik oder die Zukunft der Landwirtschaft. Heißt das im Umkehrschluss, dass nachhaltige Entwicklung ein wichtiger Themenkomplex für die Riffreporter sein soll und sein wird?

Auf jeden Fall! Allerdings ist jede Koralle journalistisch und ökonomisch eigenständig. Denn Riffreporter ist eben kein Verlag, sondern als Genossenschaft organisiert, die dazu da ist, den Autorinnen und Autoren zu helfen, selbst eigenverantwortlich erfolgreich zu sein.

Unser Themenspektrum umfaßt Wissenschaft, Umwelt, Technologie, Gesellschaft und Kultur. Nachhaltigkeit, Anthropozän, Klimawandel, Naturschutz – da gibt es ein großes Potential im Riff, denn das Interesse in der Bevölkerung ist groß, aber in Massenmedien kommen diese Themen leider nur sehr unregelmäßig zum Tragen. Und oft sind bei Sparmaßnahmen Umweltredakteure die ersten, die es erwischt.

Im Riff können freie Umweltjournalistinnen und -journalisten versuchen, sich ein eigenes zahlendes Publikum aufzubauen. Rechte und Einnahmen bleiben, abgesehen von Überweisungskosten und einer Abgabe an die Genossenschaft, bei den Autorinnen und Autoren.

Einnahmen ist ein wichtiges Stichwort: Ihr setzt auf Paid Content, was gerade bei Projekten ohne großen Verlag im Rücken nach wie vor ein oft steiniges Pflaster ist. Was macht Euch trotzdem zuversichtlich?

Ich denke, dass die politischen Turbulenzen der vergangenen Monate vielen Menschen sehr deutlich gemacht haben, wie wichtig unabhängiger und sachkundiger Journalismus ist. Und dass dieser nicht kostenlos zu haben ist, spricht sich nach einer Phase, in der Verlage Onlinejournalismus fahrlässig verschenkt haben, auch herum.

Zudem bieten wir Angebote gezielt für Themen, die in großen Medien unterbelichtet sind. Dazu gehören auch Naturschutz und Klimawandel. Große Verlage müssen für ein riesiges Publikum ein Gemischtwarenangebot verkaufen. Im Riff dagegen können Menschen, die sich für Qualitätsjournalismus interessieren, ganz gezielt für Themen, Autoren und Projekte bezahlen, je nach Interesse. Wenn ich zum Beispiel Naturschützer, Umweltpolitiker oder Landwirt bin, abonniere ich künftig unsere Koralle die „Flugbegleiter“, wenn ich mich für die Zukunft der Museen interessiere, dann Carmela Thieles „DebatteMuseum“.

Zudem können Autorinnen und Autoren im Riff zwischen verschiedenen Erlösmodellen wählen – auch solchen, bei denen die Artikel kostenlos bleiben. Aus Nutzersicht ist es aber ein einheitliches, einfaches und komfortables Bezahlsystem für freien Journalismus. Am vielleicht wichtigsten ist, dass wir als Genossenschaft auswerten wollen, welche Erlösmodelle wie und warum funktionieren oder wo es Probleme gibt. So können wir als Community herausfinden, wie wir unsere Strategien weiterentwickeln.

Christian Schwägerl ist Journalist, Buchautor und Mitbegründer der Riffreporter. (Foto: Andreas Chudowski)

Welche Pläne habt Ihr für die kommenden Monate?

Wir haben jetzt ein Jahr Alpha-Testphase absolviert. Bei den meisten Firmen passiert so was im Geheimen, wir wollten es aber öffentlich machen, auch um aus Reaktionen von Autorinnen und Autoren sowie Nutzern lernen zu können. Jetzt geht es darum, die Beta-Phase zu starten – mit einer Startseite, die unsere Inhalte besser strukturiert präsentiert, mit Fokus auf die einzelnen Korallen, mit den Erlösmodellen zur Auswahl und mit Tools wie dem, dass Teams Einnahmen automatisch nach einem selbstgewählten Schlüssel verteilen können.

Wenn das geschafft ist, geht es darum, dass die ersten Korallen sich gut entwickeln und Schritt für Schritt neue Angebote hinzukommen. Das heißt zum Beispiel für die „Flugbegleiter“, dass sie Woche für Woche ein gutes Angebot im Nature Writing machen und die Zahl der Abonnenten stetig steigt. Und dass sie sich in eine Richtung entwickeln, wo nicht nur die unmittelbaren Kosten gedeckt sind, sondern neue, umfangreichere Recherchen finanziert werden können.

Wie können interessierte Journalistinnen und Journalisten bei den Riffreportern andocken?

Wir sprechen professionelle Journalistinnen und Journalisten an, die keine PR machen und die Lust und Energie haben, etwas Eigenes anzupacken. Wichtig ist: Riffreporter ist kein Verlag, der Honorare zahlt, sondern eine Startup-Community, wo sich Investieren auszahlt, wenn man mit seinem Projekt Erfolg hat.

Jeder, der das Riff nutzen will, muss zuerst Mitglied der Genossenschaft werden und einen Autorenvertrag abschließen, der den Kodex enthält. Um Mitglied zu werden, braucht man eine Einladung. Die kann man entweder von einer bestehenden Koralle bekommen, wenn sie ein neues Mitglied aufnehmen will, oder durch ein Aufnahmeverfahren, das mit dieser Umfrage beginnt: https://Riffreporter.typeform.com/to/afn1uc.

Wir sind breit aufgestellt, offen für alle guten Formate von regional bis global, von unterhaltsam bis extrem sachlich, von ganz kurz bis langfristig recherchiert – Hauptsache, es steckt ein Plan dahinter. Wir freuen uns auf Zulauf von jungen wie erfahreneren Kolleginnen und Kollegen, aber zugleich wollen wir dafür sorgen, dass sich im Riff eine Vertrauensgemeinschaft von echten Profis entwickelt.

Für weitere Informationen, Eindrücke und Kontaktmöglichkeiten: Die Riffreporter sind hier zu finden>>>

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