Lesestoff: „Die Humusrevolution. Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen“


Ignoriert und unterschätzt – aber ein Schlüssel zur Lösung der Weltprobleme: Ute Scheub und Stefan Schwarzer bereiten den Boden für eine bessere Zukunft.

Eine Rezension von Hanne Tügel

„Regenerative Agrikultur hat die Antworten auf die Bodenkrise, Ernährungskrise, Gesundheitskrise, Klimakrise und die ‚Krise der Demokratie‘.“ Dieses Versprechen stammt von Vandana Shiva, der indischen Trägerin des Alternativen Nobelpreises, deren Lebensthema nachhaltige Landwirtschaft ist. Und es ist das Motto eines Buchs, dessen Autoren sich tief in das Thema Boden hineingewühlt haben. Die Berliner Taz-Mitbegründerin Ute Scheub ist Publizistin mit einer Vorliebe für Themen, die Lösungen in den Vordergrund stellen (und Mitglied des Netzwerks Weitblick). Stefan Schwarzer ist Geograf und Praktiker der Permakultur in der Öko-Dorfgemeinschaft Schloss Tempelhof.

„Die Humusrevolution“ ist im oekom Verlag erschienen. (Copyright: oekom Verlag)

Die beiden stellen auf 240 Seiten die Chancen dar, die ein anderer Umgang mit dem Boden unter unseren Füße bietet. Sie erzählen vom Ursprung und dem Leben der Abermilliarden Mikro- und Miniorganismen. Von dem fein aufeinander abgestimmten Ökosystem unter der Oberfläche, das Humus erzeugt und pflegt. Sie belegen, wie die industrielle Landwirtschaft durch ihre „Chemotherapie“ mit Unkrautvernichungsmitteln, Insektiziden und Kunstdünger diesen für uns alle zentralen Lebensraum verödet hat. Und sie machen klar, dass im Untergrund trotzdem schon Hilfsmittel bereitstehen, die ein Wieder-Erblühen versprechen.

Wenn es gelingt, die dünne Humusschicht zu regenerieren, die Böden fruchtbar macht, hat das positive Effekte, die sich auf Dauer gegenseitig unterstützen: Artenvielfalt, Fruchtbarkeit und Ernten nehmen zu. Der Boden wird durchlässiger, hält Wasser besser zurück, lässt Pflanzen tiefer wurzeln und verhindert Erosion. Und der Klimawandel wird verlangsamt, weil Kohlenstoff aus der Luft in den Boden gelangt und dort gebunden wird.

Noch halten die Goliaths der Agrarkonzerne an ihren Konzepten fest, gegen die Natur statt mit ihr zu arbeiten. Und sie sind mächtig. Doch lokale Initiativen in aller Welt experimentieren unauffällig daran, den Boden für Veränderung zu bereiten. Das Buch liefert Zahlen, Fakten und Praxistipps und stellt eine Vielzahl spannender Beispiele vor. Etwa Mikrofarmen, in denen raffinierte Mischkulturen auf wenig Platz sechs bis neun Ernten erlauben. Oder Agroforstsysteme mit ausgewählten Pflanzen, die in Burkina Faso, Mali und Niger Steppen und Wüsten begrünen. Mobile Weiden, deren Zäune nach und nach versetzt werden, um den Boden nicht auszulaugen; neben Rindern picken dort auch Hühner und Puten, die den Kuhdung auseinanderscharren und flächig verbreiten. Und Pflanzenkohle-Projekte, bei denen die Verschwelung organischer Abfälle exzellenten Dünger hervorbringt.

Ob im Kleingarten oder auf riesigen völlig überweideten Flächen in China, in denen nur noch nackte Erde übrig war – für alle Größen und Klimazonen schildert das Buch mögliche Lösungen. Kohlenstoff aus der Luft holen und im Boden speichern, diese Idee setzt sich langsam auch bei Experten durch: Die Welternährungsorganisation FAO schätzt das jährliche Speicherpotenzial auf 3 Gigatonnen. Das könnte dabei helfen, den CO2-Ausstoß auf ein erträgliches Maß zu senken – und Vandana Shivas Prophezeiung zu erfüllen.

Ute Scheub, Stefan Schwarzer: Die Humusrevolution. Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen, Oekom, München, 240 Seiten, 19,95 €

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