Lesestoff: Von Nashörnern und anderen Vögeln


Zwei neue Bücher über das Verhältnis zwischen Mensch und Mitwelt sind zugleich vorbildliche Beispiele für unterschiedliche Storytelling-Varianten. Unsere Buchtipps.

Von Hanne Tügel

Nashörner

Quelle: Verlag Matthes & Seitz

Nashörner

Lothar Frenz ist Biologe, Journalist, Naturfilmer. Vor allem aber ist Frenz ein Tierenthusiast, der uns nahebringt, wie eng wir mit Lebewesen anderer Arten verbunden sind.

Was haben Nashörner mit Nachhaltigkeit zu tun? Sie verleiten dazu, über das große Ganze nachzudenken. Über Zusammenhänge zwischen Artenvielfalt, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte und über das Verhältnis zu Kreaturen, die uns in ihrer „Andersheit“ unerhört faszinierend vorkommen.

Lothar Frenz‘ liebevoll illustriertes Buch ist eine Annäherung voller Respekt und Melancholie. Es portraitiert die Ungetüme in Wort und Bild als Sonderlinge der Zoologie, tonnenschwere Relikte der Urzeit, auf den ersten Blick plump, ungeschlacht. Vegetarische Monster, meist friedlich grasend, aber verblüffend schnell und jähzornig, wenn sie sich gestört fühlen.

Der Autor schildert die uralte und wechselhafte Beziehung zwischen Rhino und Homo. Spitzmaulnashörner aus der afrikanischen Savanne haben die Karriere des Menschen seit der Zeit unseres Vorgängers Australopithecus vor vier Millionen Jahren begleitet. 30.000 Jahre alte Malereien an Höhlenwänden der Chauvet-Grotte in Frankreich zeigen Dutzende Rhinozerosse.

Für die Menschen der Neuzeit spielten Nashornarten dann unterschiedlichste Rollen: als Schauobjekte und Kampfmaschinen im antiken Rom. Als lebendige Vorbilder für das Einhorn der Mythologie. Als exotische Wundertiere wie das Panzernashornweibchen „Jungfer Clara“, das ab 1741 jahrelang durch Europa tourte und sich von Casanova, Friedrich dem Goßen und Maria Theresia bewundern ließ. Als Jagdtrophäen, die Ex-US-Präsident Theodore Roosevelt 1909 von der größten Jagdsafari der Weltgeschichte mitbrachte – aus seiner Sicht als Beitrag für die Wissenschaft. Aktuell als Einkommensquelle für Wilderer und die Mafia. Ein Kilogramm Hornpulver kann auf dem asiatischen Schwarzmarkt 100.000 Dollar einbringen.

Von den Spitzmaulnashörnern gab es 1900 noch rund eine Million Exemplare, heute ist ihre Zahl auf 5.000 geschrumpft. Sumatra- und Java-Nashörner sind noch stärker gefährdet. Und für Südliche Breitmaulnashörner ist die letzte Hoffnung inzwischen die künstliche Befruchtung im Zoo.

Lothar Frenz sieht das Buch als Liebeserklärung, nicht als Abgesang. Das (fast) letzte Wort überlässt er Harry Rowohlt: „Lieber Gott, Du bist der Boss, Amen. Dein Rhinozeros.“

Lothar Frenz: Nashörner. Matthes & Seitz, Berlin, 2017, 128 Seiten, 18,00 Euro

 

Federnlesen; Quelle: Lübbe-Verlag

Quelle: Lübbe-Verlag

Federnlesen

„GEO“-Autorin und Hobby-Ornithologin Johanna Romberg schreibt „vom Glück, Vögel zu beobachten“. Das Ergebnis ist ein Staun- und Lehrbuch der schönsten Sorte

Vorsicht, bei diesem Buch besteht Neidgefahr! Neid, weil sich die jahrzehntelange Beschäftigung mit Vogelstimmen und Hunderte Spaziergänge mit Fernglas und Bestimmungsbuch nicht so schnell nachholen lassen, wie man es nach der Lektüre gern hätte. Es ist seltsam, aber wahr: Selbst studierte Biologen kennen heute oft mehr Automarken oder Käsesorten als einheimische Vogelarten und können gerade noch Rotkehlchen und Blaumeise unterscheiden, aber nicht Wiesenpieper und Steinschmätzer. Wer Johanna Rombergs Buch in die Hand nimmt, wird Lust bekommen, das zu ändern. Und nebenbei lernen, wie Landschaftsplanung, Agrar-, Verkehrs- und Umweltpolitik in das Leben der Vögel eingreifen.

Die Autorin hat „das ‚Federnlesen‘ etwa zur selben Zeit wie das Lesen“ gelernt. Ihre vogelbegeisterten Eltern brachen am Wochenende ins Grüne auf, die Tochter musste – oft unlustig – mit, das Buch „Was fliegt denn da?“ immer zur Hand. Nun besitzt sie einen Vorsprung. Und macht das Beste daraus – sie erzählt Geschichten von Vögeln, von ihrer Beziehung zu ihnen und von Gleichgesinnten, die geflügelte Wesen von Alpensegler bis Zwergohreule studieren, zählen, schützen, lieben.

Storytelling ist das journalistische Genre, das die persönliche Erfahrung in den Vordergrund rückt und dabei viel Wissen einschmuggelt. Am Ende ist man nicht nur von der Begeisterung des Schreibenden hingerissen, sondern hat wie aus Versehen Informationsfülle inhaliert, in diesem Fall Antworten auf Dutzende Fragen wie diese: Warum geht es Kranichen gut und Kiebitzen schlecht? Warum kommen Mäusebussard und Rotmilan so schwer mit Windkraftanlagen zurecht? Was hat Murphy’s Law mit der Beobachtung von Spechten zu tun? Und wer macht „düdlüoh“?

Johanna Romberg: Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten, Lübbe, Köln, 2018, 304 Seiten, 24,00 Euro

Lesen Sie hier weitere Literaturtipps >>>