Divestment als internationaler Trend


Divestment als internationaler Trend

Was ist davon zu halten – und was machen Medien daraus?

Diskussion anlässlich der Veröffentlichung der Publikationsreihe „Journalismus & Nachhaltigkeit“

Mehr als 900 Investoren rund um den Globus bekennen sich zum Divestment, täglich werden es mehr. Sie ziehen Kapital aus unerwünschten Geldanlagen zurück, insbesondere aus Unternehmen rund um fossile Energieträger. Welche Argumente sprechen dafür, welche dagegen? Wie gehen Medien damit um, hierzulande und anderswo? Muss der Journalismus diesbezüglich etwas leisten?

Diese Fragen diskutierten Journalistinnen und Journalisten mit Vertretern aus Zivilgesellschaft, Kapitalanlage, Wissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit auf Einladung des Netzwerks Weitblick am 18. September 2018 in Frankfurt am Main. Hierfür stellte die Evangelische Hoffnungsgemeinde ihre Räume kostenfrei zur Verfügung.

Ella Lagé, Fotografin: Heike Leitschuh.

 

„Divestment ist eine notwendige Voraussetzung für den politischen Wandel”, betont Ella Lagé, Agentin für Systemwandel für den finnischen Think Tank Demos Helsinki. „Alles was man braucht, ist Entschlossenheit.“ Lagé plädiert für einen raschen Totalabzug von Kapital aus fossilen Energieträgern. Denn Investments in fossile Energien seien langfristig ein gigantisches Risiko wegen des sogenannten „Carbon Bubble“: Unternehmen aus fossilen Branchen gäben an, rund 3000 Mrd. Tonnen CO2 zu emittieren – Tendenz steigend. Diese Rohstoffe aber müssten im Boden bleiben, um nicht „Stranded Assets“ zu werden: Um den Klimawandel zu bremsen, dürften nur noch 500 Mrd. Tonnen emittiert werden – Tendenz sinkend.

Hochriskant sei darum die durch ihre Anlagepolitik starke finanzielle Abhängigkeit nordrhein-westfälischer Kommunen von Kohleverstromer RWE: „Wenn RWE untergeht, gehen auch die Kommunen unter“. Lagé erreichte als Kampagnenmitglied der Bewegung Fossil Free, dass das Land Berlin seit Anfang 2017 für seine Versorgungsrücklagen keine Aktien aus fossilen Energiebranchen mehr kauft und 200 Millionen Euro aus fossilen Industrien abgezogen hat. Ella Lagé kritisierte das Presseversorgungswerk: Laut einer Schätzung der Nichtregierungsorganisation Urgewald hätte es 75 Millionen Euro an Kapital abziehen müssen. Doch auf eine entsprechende, von namhaften Journalisten unterzeichnete Aufforderung des Vereins Divest Now! habe das PVW zuletzt nicht reagiert.

Gabriel Recke, Fotografin: Heike Leitschuh.

Wer Aktien verkauft, ändert nichts, sondern beruhigt nur sein Gewissen, denn jemand anders kauft die Aktien“, widersprach Gabriele Recke, Investment Managerin für festverzinsliche Wertpapiere bei Allianz Investment Management, die auch das Presseversorgungswerk vertrat. „Jeweilige Ausschlüsse sind sehr dem Zeitgeist geschuldet.“ Allianz IM praktiziert einen Teilrückzug – auch für das Presseversorgungswerk, ist aber gegen einen kompletten Verkauf von Wertpapieren solcher Unternehmen, die mit fossilen Energien Geschäfte machen.

 

Recke begründet das so: „Als Aktionäre können wir mit Unternehmen reden.“ Im November 2017 hätten Unternehmensdialoge begonnen, 85% der angefragten Adressaten hätten geantwortet. „Asset Owner erreichen Veränderung“, sagte sie und: „Wenn wir die Welt verändern wollen, reicht es nicht, das Portfolio zu ändern.
Zur Presseversorgung sagte sie: „Wir brauchen einen gemeinsamen Nenner für alle 150.000 beteiligten Journalisten. Das sind Rendite und Klimaschutz.“ Das Haus verwaltet das von ihnen und Medienhäusern eingezahlte Altersvorsorgegeld. Das Team, zu dem Lagé gehört, steuert das gesamte Portfolio des PVW, berät dessen Finanzkommission bei allen Anlageentscheidungen und setze diese um. Es werde dabei die Nachhaltigkeitsstrategie der Allianz IM angewendet.

 

Warum ist der Zusammenbruch fossiler Unternehmen noch nicht passiert, obwohl doch der Kapitalmarkt theoretisch effizient sein und große Risiken einpreisen soll?“,

Christian Klein, Fotografin: Heike Leitschuh.

fragte Christian Klein, Professor für Unternehmensfinanzierung, an der Universität Kassel, einer der wenigen deutschen Forscher im Bereich nachhaltiger Finanzierungen und Finanzsysteme. Unwahrscheinlich sei, dass der Kapitalmarkt die Risiken nicht kenne und die Medien versagt hätten. Vielmehr habe der Kapitalmarkt ganz offensichtlich die ökonomischen Folgen der Pariser Klimabeschlüsse noch nicht eingepreist. Finanzmarktakteure würden zwar die Risiken des Klimawandels und Carbon Bubbles kennen, aber schätzten deren Eintrittswahrscheinlichkeit so gering ein, dass sie sich nicht darum kümmern müssen.

Der Kapitalmarkt glaubt nicht daran, dass die Politik wirklich ernst macht“, sagte Klein. Finanzakteure glauben demnach nicht, dass die maximalen Emissionen von 500 Mrd. Tonnen CO2 politisch wirklich gewollt sind. Das sei ein politisches Versagen. Klein folgert: „Aufgabe der Medien ist es darum, der Politik den Spiegel vorzuhalten sowie den Bürgern zu erklären: Was bedeutet der unvermeidbare Strukturwandel? Welche Folgen hat er konkret? Welche Chancen bietet er?

In der nachfolgenden sehr lebhaften und kontroversen Diskussionsrunde wurde deutlich, dass hier noch viel Arbeit auf Journalisten wartet.

 

Silvie Kreibiehl & Dietgen Müller, Fotografin: Heike Leitschuh

Dietegen Müller, Kapitalmarktredakteur der Börsenzeitung, berichtete, sein Blatt habe seit 2015 acht Mal über Divestment berichtet, vor allem 2018 – „aber nicht häufiger“. Über Green Finance und ESG (Umwelt, Soziales, Governance) werde mehr berichtet. Die Prognose eines seiner Kollegen von 2007, nachhaltige Investments seien ein Modethema, und es sei nicht damit zu rechnen, dass ESG-         Ansätze jemals nennenswerten Einfluss am europäischen Kapitalmarkt entfalteten, sei vorausschauend gewesen. Aufgabe des Journalismus sei „kontinuierlich zu berichten“, an dem Thema dran zu bleiben. Er regte an, „konkrete Beispiele zu schildern, was beim Divestment wie gemacht wird. Und was politische Entscheidungsträger tun.

Bei einer Stichwortsuche nach Bilanz & Divestment habe ich keinen Treffer gefunden“, berichtete Caspar Dohmen, der als freier Journalist für die Süddeutsche Zeitung, den SWR und den Deutschlandfunk arbeitet, „Journalisten fragen folglich in Pressekonferenzen nicht danach.“ Dohmen, Mitglied im Netzwerk Weitblick und Mit-Autor von dessen Publikationsreihe Journalismus und Nachhaltigkeit, betonte: „Eine kleinteilige Berichterstattung ist nicht zielführend, weil wir uns mit dem großen Ganzen befassen müssten.

Casper Dohmen & Ralf Frank, Fotografin: Heike Leitschuh

Aus dem Kreis der Teilnehmenden kam die Aufforderung, Journalisten sollten recherchieren: „Wie bekommt man Kohle raus aus dem Wirtschaftssystem? Welche Hebel gibt es dafür?“ Der Kapitalmarkt reicht dafür wohl nicht. Denn auch wenn Finanzakteure öffentlich viel von ESG und ihrer Verantwortung reden: „Hinter den Türen spielen Umwelt, Soziales und Governance kaum eine Rolle.“ Das konstatierte Ralf Frank, Geschäftsführer und Generalsekretär der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA). Bei den Schönheitswettbewerben gehe es nur darum, was die Auftraggeber am Schönsten fänden. „Der Klimawandel ist höchstens eine Fußnote.

 

Im Rahmen der Divestment-Diskussion stellen wir leider fest, dass es im Kapitalmarkt auch viele Wetten gegen Paris gibt, und daher müssen wir sehr kritisch die Wirkungskette von Aktienverkäufen hinterfragen“, stellte auch Silvie Kreibiehl fest, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Entwicklungs- und

Menschenrechtsorganisation Germanwatch. Die ehemalige Bankerin leitet hauptberuflich seit 2013 das UNEP Collaborating Centre for Climate and Sustainable Energy Finance an der Frankfurt School of Finance & Management. „Eine reine Veräußerung von Anteilen führt noch nicht zu einer Lösung von Problemen im Kontext bestehender umweltschädlicher Aktivitäten, wie zum Beispiel dem Kohlesektor.

Fotografin: Heike Leitschuh.

Dass in Deutschland vergleichsweise wenig über Divestment in den Medien veröffentlicht werde, scheint auch mit der ablehnenden Haltung in der Politik gegenüber der Regulierung zur treuhänderischen Verantwortung zusammen zu hängen. Aus dem Teilnehmendenkreis hieß es dazu: „In den Ländern, wo das Thema eine politische Relevanz hat und es aktive Regulierung gibt, berichten auch die Medien viel aktiver über Divestment und Nachhaltigkeit als in Deutschland.“ Diese Erfahrung lehrt, wie eine Teilnehmende formulierte: „Adressaten der journalistischen Berichterstattung zur Klimarelevanz bei Kapitalanlagen sollten neben dem Finanzmarkt auch die Politik und Regulatoren sein.

Die Herausforderung bestehe für Journalisten angesichts der Informationsflut in sozialen Medien darin, erstens Leser/Hörer/Zuschauer zu gewinnen und zweitens solche zu finden, die einen Beitrag von vorne bis hinten lesen/hören/sehen. Diese gebe es, berichtete eine Journalistin des Hessischen Rundfunks. Sie betonte: „Berichterstattung zu Nachhaltigkeit ist eine Frage der

Haltung.“ Damit widersprach sie der Äußerung eines Vorredners, Journalisten sollten sich mit keinem Thema gemein machen. Nachhaltigkeit sei kein Thema, sondern eine Wertvorstellung wie Demokratie und Freiheit, für die sich Journalisten auch einsetzten.

Divestment-Panel, Fotografin: Heike Leitschuh.

Ein weiterer Teilnehmender betonte: Berichte über das, was alles schlimm ist, führen nicht zur Verhaltensänderung: „Journalisten sollten positive Erzählungen vermitteln, die an der Basis verstanden werden.“ Die Bedrohungen durch den Klimawandel verlange von Journalisten nicht, Angst zu schüren, betonte Susanne Bergius, Journalistin und Weitblick-Vorstandsvorsitzende, „sondern eine durchdachte und dauerhaft Interesse weckende Berichterstattung, um die Diskussion und Meinungsbildung in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu Lösungsansätzen voranzubringen.

Die Panellisten waren sich trotz kontroverser Diskussion einig, dass Journalisten auch als private Anleger agieren müssten. Müller erklärte, sie sollten positive Beispiele geben und über das Eigentumsrecht ihre Meinung transportieren. Eine Zunft, die anderen Menschen Themen vermittle, solle kein konventionelle Sparbuch mehr zuhause haben, sondern nachhaltig investieren, betonte Frank.

Das Echo nach der Veranstaltung war durchweg positiv, gerade auch bei jüngeren Journalistinnen und Journalisten. Teilnehmende sagten oder schrieben, sie hätten einiges dazugelernt.

 

Fotografin: Heike Leitschuh.

Fotografin: Heike Leitschuh.

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