Lesestoff: „Draußen ist es anders. Auf neuen Wegen zu einer Wissenschaft des Wandels“


Um das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen, muss sich das Wissenschaftssystem ändern

Eine Rezension von Hanne Tügel

Was tun, wenn Wissenschaft in eine Sackgasse gerät? Wenn sie aufhört zu zweifeln? Wenn sie sich abhängig macht von Geldgebern mit Eigeninteressen? Eine Antwort gaben in Deutschland in den 1970er Jahren Physiker*innen und Chemiker*innen, die sich nicht abfinden wollten mit dem damals herrschenden blinden Forscherglauben an den Segen der zivilen Atomkraft. Sie nutzten ihre akademischen Titel, um „Gegenwissenschaft“ zu etablieren und sich mit ihrem Fachwissen in Gesellschaftskonflikte einzumischen. So entstanden zwischen Berlin und Freiburg die ersten unabhängigen wissenschaftlichen Institute, die inzwischen im „Ecological Research Network“ zusammengeschlossen und in der Politikberatung gefragt sind.

Jan Freihardts Buch „Draußen ist es anders“ will diesen Pioniergeist wiedererwecken. Seine Ausgangsfrage lautet: Welche Rolle können und sollten Wissenschaftler*innen heute spielen, um den dringend nötigen „tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel“ aktiv mitzugestalten? „Keine Armut“, „kein Hunger“, „weniger Ungleichheit“ – diese und die 14 weiteren Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bräuchten die geballte Kraft von Wissenschaft und Politik, um sich Lösungen zumindest anzunähern.

Auf seiner „Lernreise“ hat der Autor die Wissenschafts-Szene in Deutschland erkundet. Die Zahlen beeindrucken. Über 1000 öffentliche Forschungseinrichtungen konkurrieren um Ansehen und um die etwa 34 Milliarden Euro aus Steuermitteln in diesem Bereich: Unis und Fachhochschulen, Landes- und Bundesforschungsinstitute, Akademien der Wissenschaft, Organisationen wie die 86 Max-Planck- und die 96 Leibniz-Institute.

Doch eine gemeinsame Anstrengung mit Blick auf die Zukunftsfragen der Nachhaltigkeitsziele kann Freihardt in dieser Forschungslandschaft nicht entdecken. „Die deutsche Wissenschaftspolitik ist in weiten Teilen auf die Förderung von Technologien und Wirtschaftswachstum fokussiert“, heißt sein Fazit, „gesellschaftsbezogene Nachhaltigkeit nimmt nur einen Nischenplatz ein.“ Der Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft nehme dabei beständig zu und sei „oft intransparent und ungleich stärker als der der Zivilgesellschaft“.

Um das zu verändern, scheint eine „Forschungswende“ dringend nötig. Wie sie aussehen könnte, beschreibt Jan Freihardt, selbst Umweltaktivist und Politikwissenschaftler, im zweiten Teil des Buchs. Darin richtet er sich einerseits an die 420000 Menschen, die in Deutschland in Wissenschaft und Forschung arbeiten. Er will sie ermuntern, die Uni-Büros und -Labore hin und wieder zu verlassen, weil es „viel Freude und Kraft freisetzen kann“, mit dem eigenen Wissen für das Gemeinwohl zu wirken. Als Wegweiser für alle anderen Interessierten dokumentieren die Kapitel über „transformative Wissenschaft“ eine Fülle von Projekten und Interviews von und mit Forscher*innen, die inter-, multi- und transdisziplinär arbeiten, gern auch zusammen mit BürgerInnen. Si entwickelt der „Science Shop Vechta“ mit Partnerorten lokal angepasste Klimaschutzkonzepte. „UrbanUp“ in Wuppertal erkundet sozial-ökologische Lösungen zur Stadtentwicklung. Die Schweizer „Ideenschmiede Reatch e.V.“ kümmert sich um Lobbyarbeit für Wissenschaftskommunikation. 

Die zentrale Botschaft knüpft an das Wissenschaftsverständnis der „Fridays for future“-Aktiven an. Wir sollten uns dringend darum kümmern, vorhandenes Wissen auch praktisch umzusetzen. „Unite behind the Science“, heißt ihr Appell, „vereinigt euch hinter der Wissenschaft“.

Jan Freihardt: Draußen ist es anders. Auf neuen Wegen zu einer Wissenschaft für den Wandel, Oekom, München,
256 Seiten, 24,00 Euro, pdf 18,99 Euro. Ausführliche Leseprobe auf www.wissenschafftzukuenfte.de.

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