Lesestoff: Homo Deus


Eine Rezension von Hanne Tügel

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari lehrt Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem; nebenbei schreibt er Weltbestseller. „Homo deus“ ist sein am tiefsten schürfendes und provokantestes Buch. Eine krasse Analyse der Welt von heute und ein ideales Fundament zum Selber-Weiter-Denken.

Ja, 650 Seiten sehen nach Zumutung aus. Aber das Vorhaben, einen Bogen von den Anfängen der Menschheit bis zur Welt von übermorgen zu schlagen, ist auch nicht gerade anspruchslos. Und der Autor macht es dem Leser leicht. Er versteht etwas vom Geschichten-Erzählen und kann sein immenses Wissen gut in Aha-Effekte umwandeln.

Zum Beispiel mit der Statistik, die mich am stärksten schockiert hat. Es geht um das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Mensch und Tier in der Gegenwart. Menschen bringen inzwischen 300 Millionen Tonnen Biomasse auf die Waage, große Wildtiere nur noch 100 Millionen Tonnen, domestizierte Tiere dafür 700 Millionen Tonnen. Genauer: Es gibt weltweit nur noch 200000 Wölfe, aber 400 Millionen Haushunde, 40000 Löwen, aber 600 Millionen Hauskatzen, und für den Appetit 1,5 Milliarden Kühe und 20 Milliarden Hühner.

Aus Homo sapiens ist Homo deus geworden, der Gott-Mensch und Weltenmodellierer. Die alten Götter sind entzaubert, das wissenschaftlich-technische Modell, das sich Humanismus nennt, ist als Ersatzreligion etabliert. Es hat viel Interessantes zu bieten – „neue Energiequellen, neue Rohstoffe, bessere Maschinen und neue Produktionsfahren“. Das beachtliche Ergebnis: In der Steinzeit hatten die Menschen im Durchschnitt 4000 Kalorien pro Kopf und Tag zur Verfügung, der Durchschnittsamerikaner nutzt heute 228000 Kalorien für Nahrung, Mobilität, Komfort. Vom Blickwinkel der Vorfahren aus könnten wir also laut Harari bei all den verfügbaren Instrumenten und Ressourcen eigentlich „himmlische Ruhe frei von allen Sorgen und Kümmernissen“ genießen.

Wir tun es nicht, denn dummerweise ist in das Modell eine Falle eingebaut. Es lässt sich nicht stoppen, sondern gebietet ständig weitere Beschleunigung, steigenden Druck, ewiges Wachstum – „was gestern noch Luxus war, erscheint heute als Notwendigkeit“. Dabei frisst der Fortschritt nicht nur die Wildnis, er ruiniert auch Luft, Wasser und Klima. Was, wenn die Ahnung dämmert, dass das Modell außer Kontrolle geraten ist? Es bleibt die vage Hoffnung auf neue Stufen des Erfindungsreichtums: die Vorstellung von „virtuellen Welten und Hightech-Refugien“, die Abhilfe schaffen, „wenn der Planet irgendwann so heiß, trostlos und stickig wie die Hölle ist“.

Eine mögliche und schlüssige Entwicklung seiner „Geschichte von morgen“ sieht Harari im “Techno-Humanismus“, bei dem objektive Daten statt subjektiver Individuen die Regeln setzen. Die Menschen werden nach Unsterblichkeit streben, aber weltliche Entscheidungen abgeben an künstliche Intelligenzen. Sie werden einsehen, dass ihre verstörenden irrationalen Eigenschaften die Weiterentwicklung behindern und sich „downgraden“ lassen: „Über Millionen von Jahren waren wir Schimpansen in verbesserter Ausführung. In Zukunft könnten wir Ameisen in Übergröße werden.“

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. C.H. Beck, Paperback-Ausgabe 2017, 653 Seiten, 14,95 Euro