Lesestoff: Wer wagt, beginnt


Eine Rezension von Hanne Tügel

Wer sich für Nachhaltigkeit engagiert, wünscht sich PolitikerInnen, die den Zustand des Planeten ernst nehmen, über Legislaturperioden hinausdenken und den Spagat zwischen Volksnähe und großer Vision schaffen. Robert Habeck ist in dieser Hinsicht eine Ausnahmefigur – inzwischen fast mit Pop-Star-Status. Zu schön, um wahr zu sein? Wer zweifelt, sollte sein Buch lesen.

Die Politik und ich“ ist der Untertitel von Habecks Biografie. Sie ist ein perfekter Kontrapunkt zu „Homo deus“, sehr im hier und heute angesiedelt und trotzdem mit Weitblick. Der Grünen-Chef, Familienvater von vier Söhnen, erzählt klug und nachdenklich von seinem Weg: von der Lust am Mitgestalten, vom Talent, aus den Zwängen des Politikgeschäfts auszuscheren und vom ethischen Rückgrat, das eine zukunftsfähige Politik braucht.

Habeck ist Jahrgang 1969. Als er 15 war, saßen die Grünen schon im Bundestag. Er muss die Grundprinzipien der Nachhaltigkeit deshalb nicht von vorne durchdeklinieren. Er kann versuchen, die Erfolge der grünen Bewegung mit Leben zu füllen und auszubauen. Als Beispiel neben dem Atomausstieg, der Energiewende und dem Stellenwert des Umweltschutzes nennt er vor allem den „Mut, Dinge in Frage zu stellen“. Dieser Mut beinhaltet auch die Aufgabe, die eigene Position immer wieder zu überprüfen und „auf absolute Gewissheiten zu verzichten“. Eine reine Protestkultur birgt für ihn die Gefahr, bei Verneinung stehenzubleiben: „Das Nein gibt dem Neuen keine Richtung.“ Spielräume zu nutzen und Realität und Vision auszubalancieren ist kreativer und lustvoller.

Das Private ist politisch hieß das Credo der 68er Bewegung. Habeck ist mit diesem Satz unzufrieden. Für ihn darf das Private privat bleiben, weil es auch unsere schwachen Seiten zeigt. Als Privatmenschen sind wir auch „müde, faul, gestresst, vielleicht geizig, von der Werbung verführbar“ und genügen unseren eigenen Vorsätzen nicht. Wir überlegen nicht immer, wer wo unsere Kleidung unter welchen Umständen produziert hat und ob der Käse von glücklichen Kühen stammt. Aber das heißt für Habeck nicht, dass wir als Menschen in dieser Zustandsbeschreibung aufgehen. Er schreibt: „Eben weil wir fehlerhaft sind, wächst in uns der Wunsch nach einer besseren Welt und der Wunsch, für eine solche Welt zu kämpfen … Das macht den Sinn von Politik aus.“ Wir wünschen uns politische Regeln, die es uns leichter machen, dem eigenen Ideal näherzukommen.

Er war Umweltminister zuerst in der rot-grünen und dann in der Jamaika-Regierung in Schleswig-Holstein, das hieß im Alltag auch und immer wieder: Zoff um Schlachthöfe, Wurstfabriken, Maisäcker, Stellnetzfischerei, Windräder, Stromtrassen und mehr. Um praktische Kompromisse zu ringen ist etwas anderes als Utopien für übermorgen zu entwerfen. Norddeutsche Bodenhaftung plus Philosophiepromotion ist eine gute Voraussetzung, beides auszutarieren.

Denn trotzdem bleibt die Aufgabe, das große Ganze im Blick zu behalten und Räume in „der Männer-und-Mächte-Diplomatie“ zu erobern. „Wir dürfen uns nicht im Klein-Klein verlieren“, warnt Habeck. „Entscheidend wird sein, ob die globalen Investitionen der Banken, Fonds und Staaten umgelenkt werden in erneuerbare Energien, ob wir ein Landwirtschaftssystem überwinden, das im Grund darauf fußt, dass der Rest der Welt auf seiner Anbaufläche unsere günstigen Lebensmittel subventioniert. Grüne Themen sind keine Wohlstands- oder Nischenthemen … sondern sie stehen im Zentrum der Friedens- und Sicherheitspolitik der Zukunft.“

Ein mitreißendes Buch, mehr als eine gute Lektüre: ein überzeugendes Plädoyer für Einmischung, Partizipation und eine Medizin gegen Mutlosigkeit.

Robert Habeck: Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich. Kiepenheuer und Witsch, Neuauflage 2018, 336 Seiten, 14,99 Euro