Lesestoff: Wirtschaft und Nachhaltigkeit


Wie hält es die Wirtschaft mit der Nachhaltigkeit? Wie sieht es bei der Einhaltung von Menschenrechten in den Lieferketten aus? Und warum fehlen immer noch Ethik und Nachhaltigkeit in der gängigen Praxis und Wissenschaft des Finanzsektors? Mit diesen Fragen beschäftigen sich diesmal unsere Buchempfehlungen.

Von Susanne Bergius

Henry Schäfer: On Values in Finance and Ethics: Forgotten Trails and Promising Pathways.

Henry Schäfer: On Values in Finance and Ethics: Forgotten Trails and Promising Pathways

Henry Schäfer: „On Values in Finance and Ethics: Forgotten Trails and Promising Pathways“

Weshalb fehlen Ethik und Nachhaltigkeit in der gängigen Praxis und Wissenschaft des Finanzsektors? Dies fragt einer der wenigen Forscher, die sich intensiv mit der Relevanz ökosozialer Aspekten für Investments befassen. Er kritisiert, dass die herkömmliche Kapitalmarkt- und Finanzierungstheorie systematisch ethische Aspekte ignoriert, obwohl diese übliche Trennung zwischen Ethik und Finanzen seiner Analyse zufolge im Zuge der Konzepte einer nachhaltigen Entwicklung und der Unternehmensverantwortung obsolet zu werden scheinen – wenn auch eher unauffällig. Gleichwohl sind durchaus noch erhebliche Probleme zu lösen. Schäfer will Praktiker und Forscher motivieren, sich damit zu befassen. Eine lehrreiche Lektüre für Leute mit ökonomischer Vorbildung.

Henry Schäfer: „On Values in Finance and Ethics: Forgotten Trails and Promising Pathways“. 2019. Springer. Cham. ISBN 978-3-030-04683-5

„Wirtschaft und Menschenrechte. Jahrbuch 2018 Global Compact Deutschland“

Moderne Sklaverei und andere Menschenrechtsverletzungen sind noch immer verbreitet und kommen manchen Fachleuten zufolge immer häufiger vor. Dazu tragen auch Unternehmen mit ihren Lieferketten bei. Was können sie tun und wie können sie die UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte praktisch umsetzen? Damit befasst sich das aktuelle Jahrbuch des Deutschen Global Compact Netzwerkes. Sein zweites Thema, die Digitalisierung, hat ebenfalls menschenrechtliche Aspekte: „Es droht eine Welt ohne Arbeit“, formuliert überspitzt der Investor Karl-Heinz Land, der für das Konzept des „Total Societal Impact“ wirbt als überfälligen Paradigmenwechsel. Er kritisiert, dass nur gut die Hälfte der Manager es als eine der drei wichtigsten Aufgaben eines Unternehmens ansehen, Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen, die einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben.

Nicht zuletzt stellen in dem Jahrbuch einige Unternehmen dar, wie sie dazu beitragen (wollen), dass einzelne UN-Nachhaltigkeitsziele erreicht werden. Papier ist geduldig. Zu Recht schreibt Kai Michael Beckmann von der Wirtschaftsberatung Mazars: „Wenn sich Unternehmen mit den SDGs auseinandersetzen und diese umsetzen möchten, sollten sie tatsächliche Veränderungen erwirken und nicht nur ihr bisheriges Vorgehen neu beschreiben sowie ihr Reporting anpassen. Eine solche Praxis verfehlt die Ziele der SDGs.“ Das Compendium ist lesenswert und bietet zahlreiche Ansätze für kritische journalistische Berichterstattung. (sbe)

„Wirtschaft und Menschenrechte. Jahrbuch 2018 Global Compact Deutschland“. 2019. Macondo Publishing. Münster. ISBN-13: 978–3–946284–06–02