Mercator Salon: Klimaverträglicher Kapitalmarkt und die Rolle von Medien


Diskussionsrunde am 25. Oktober 2018 in Berlin anlässlich
der Veröffentlichung der Publikationsreihe „Journalismus & Nachhaltigkeit“

„Wenn niemand fragt, gibt es keine Antworten und keine Diskussion.“

 

Berlin, Oktober 2018

Der Weltklimarat IPCC warnte Anfang Oktober, es sei für die Menschheit und ökonomisch sehr relevant, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5°C zu begrenzen. Schon dann seien die Folgen dramatisch.

Für den Kampf gegen den Klimawandel ist sehr viel Geld nötig, und auch für die Anpassung an unausweichliche klimatische Veränderungen. Aber alle Investitionen helfen womöglich kaum etwas, wenn der sogenannten Mainstream, das Gros des Kapitalmarkts, weiterhin in emissionsträchtige Geschäftsmodelle investiert. Unter anderem darum strebt die EU-Kommission mit einem Aktionsplan an, in ganz Europa ein nachhaltiges Finanzsystem zu schaffen: „Sustainable Finance“ soll ein ökologisch und sozial verantwortliches Wachstum der Realwirtschaft bewirken.

Doch: Informieren die Medien ausreichend darüber, welche Rolle der Finanzmarkt für eine klimaverträgliche Wirtschaft und Gesellschaft spielt? Was machen Medien aus dem Thema? Muss der Journalismus diesbezüglich mehr oder anderes leisten?

Fotograf: Philipp Wesemann, Mercator Stiftung

Die Rolle der Medien hinsichtlich eines klimaverträglichen Kapitalmarktes diskutierten Journalistinnen und Journalisten am 15. Oktober 2018 mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Finanzmarkt und Öffentlichkeit auf Einladung des Netzwerks Weitblick und der Stiftung Mercator während des Mercator Salons in Berlin. Es moderierte Susanne Bergius, Vorsitzende des Journalistennetzwerks Weitblick e.V.

Der Teilnehmer Andreas Kraemer vom Ecologic Institute twitterte während der Veranstaltung: „Great panel discussion on (Un)Sustainable Finance, Climate Change Impact, and the Role of Media in the Mercator project center Berlin. Susanne Bergius of Netzwerk Weitblick is planting an important topic in the political heart of Germany.“

Die Moderatorin schilderte eingangs den Eindruck namhafter Finanzwissenschaftler. Medien übernähmen vielfach unreflektiert überkommene Meinungen aus dem Mainstream, statt sie zu hinterfragen und Vorurteile aufzuarbeiten, merkt etwa Alexander Bassen, Professor an der Universität Hamburg, kritisch an. Noch immer verbreiteten Journalisten zum Beispiel die Fehleinschätzung, dass Nachhaltigkeit zulasten der finanziellen Performance Rendite gehe, und dass Nachhaltigkeitsinformationen bereits in finanziellen Daten enthalten seien, wenn sie finanziell wichtig seien. Diese Thesen seien wissenschaftlich längst widerlegt.

„Die mantraartige Wiederholung nachweislich falscher Stereotypen in den Medien belastet den Markt nachhaltiger und verantwortlicher Investments und erklärt auch den Widerstand vieler Finanzakteure gegen eine Pflicht, Umwelt- und Sozialauswirkungen zu berücksichtigen – sei es bei Kapitalanlagen oder Kreditvergaben“, fasste Bergius die herrschende Wahrnehmung zusammen. In Deutschland durchdringe diese Skepsis auch die Politik. Das stehe im Gegensatz zu dem, was die EU-Kommission ansteuere, um einen nachhaltigeren Kapitalmarkt zu erreichen. Christian Klein, Professor an der Universität Kassel, sieht die Presse in der Pflicht, sowohl dem Kapitalmarkt als auch der Politik den Spiegel vorzuhalten.

Die Panel-Runde stellte zwar fest, dass gerade 2018 einige Artikel in unterschiedlichsten Medien zu nachhaltigen Geldanlagen und den Finanzmarktplänen der EU-Kommission erschienen seien. Aber: „Das Hauptproblem ist, dass selten die Komplexität dargestellt, Hintergründe erläutert und die Knackpunkte erklärt werden“, bemängelte Silvie Kreibiehl, Leiterin des UNEP Collaborating Centre for Climate and Sustainable Energy Finance an der Frankfurt School of Finance & Management. „Wir werden oft gefragt, ob etwas gut oder schlecht ist. Doch man kann das nicht in drei Sätzen beantworten.“

„Es wird vergleichsweise wenig über die Initiativen für einen nachhaltigen, klimaverträglichen Finanzmarkt berichtet, aber viel über Themen, die damit zu tun haben und Teilaspekte erklären“, beobachtete Caspar Dohmen, freier Journalist ( Süddeutsche Zeitung, Deutschlandfunk, SWR u.a). Dohmen, Mitglied im Netzwerk Weitblick und Mit-Autor der Publikationsreihe Journalismus und Nachhaltigkeit, erläuterte: „Journalisten zeichnen selten ein Gesamtbild bei dem Thema nachhaltiger Finanzmarkt, weil das große Ganze häufig nicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit findet.“

„Wenn dieses Thema nicht wichtig ist, welches ist es dann?“, fragte der Jurist Dennis Kolberg, seit 2015 Pressesprecher im Bundesministerium der Finanzen (BMF). Was

Fotograf: Philipp Wesemann, Mercator Stiftung

er erlebt bzw. nicht erlebt, überraschte das Auditorium im voll besetzten Raum: „Bei uns kam bis auf eine Ausnahme keine Anfrage dazu!“ Er folgerte: „Vielleicht muss das Thema noch weiter vereinfacht werden, um es spannend zu machen?“

Wenn das BMF das Thema aufgreife, sollte das wiederum ein Anlass für die Medien sein, darüber zu schreiben, sagte Kristina Jeromin, Nachhaltigkeitschefin der Deutschen Börse und seit dem Frühjahr 2018 Geschäftsführerin der Initiative „Green and Sustainable Finance Cluster Germany“. Zwar gebe es unterschiedliche Definitionen für „sustainable finance“, aber das Thema lasse sich einfach erklären: „Nachhaltigkeit bedeute einfach Zukunftsfähigkeit – wofür auch der Finanzmarkt eine Rolle spielt.“ Sie würde sich wünschen, dass Journalisten entlarven, dass der Klimawandel bei vielen Finanzakteuren nur eine Randerscheinung sei, das habe sie „aber noch nicht gelesen.“

Das heutige Finanzsystem sei den Herausforderungen der Zukunft nicht mehr gewachsen, es sei aber menschengemacht und könne und müsse daher auch verändert werden. „Das ist schmerzhaft, aber die Hauptaufgabe eines Finanzsystems ist, reale Wert zu schaffen“, so Jeromin. Das gehe nicht ohne Regulierung. Die Branche scheue diese auch nicht, es gebe durchaus engagierte Akteure und ESG-Aspekte, die ein transparentes Informationsbild erlaubten. ESG steht für Kriterien zu Umwelt, Sozialem und Governance (Organisationsführung). Ein Finanzmarktgesetz sei eine wichtige Stellschraube zur Transformation.

Gelobt wurde ein Artikel in der Zeit über die Kohlelastigkeit staatlicher Pensionsfonds, davon gebe es zu wenig. Auf die Frage, ob es Aufgabe von Journalisten sei, öffentliche und öffentlich geförderte Kapitalanleger (z.B. Pensionseinrichtungen) hinsichtlich ihres Beitrags zu einem nachhaltigen Finanzmarkt zu sensibilisieren, antwortete Kolberg: „Ja, dazu muss es Nachfragen geben. Wenn niemand fragt, gibt es keine Antworten und keine Diskussion.“ Aus solchen Fragen entstehe oft Großes.

Journalisten müssten Diskussionen anstoßen, betonte auch Kreibiehl. Unterschiedliche Definitionen müsse man ein Stück weit akzeptieren, es gehe vielmehr um einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Diskurs über die Zukunft: „Wir müssen gesellschaftlich klären, wie wir künftig leben wollen. Journalisten sollten folglich nicht nur über das Klima reden, sondern über Nachhaltigkeit als Ganzes, und das Thema Klima statt als Nord-Süd-Problematik lieber als globales Gerechtigkeitsthema framen.“

Fotograf: Philipp Wesemann, Mercator Stiftung

Die nachfolgende Diskussion mit den Teilnehmenden machte den Spagat deutlich zwischen dem Wunsch an Medien nach einem umfänglichen Gesamtbild, das die ganze Komplexität des Themas bis in die Tiefe abbildet, und andererseits der besser verständlichen Vereinfachung, was die ureigene Rolle der Medien und auch ihr Können sei. Mehrere Teilnehmende forderten, das Thema solle nicht schwarz-weiß oder gut-schlecht dargestellt werden, sondern bitteschön analytisch und möglichst eingängig aufgeschrieben…

Zudem wurde an Medien appelliert, Kunden von Banken und Versicherungen durch Bildung zu befähigen, damit sie von Beratern einfordern, Nachhaltigkeit in ihre Beratung einzubauen und ESG-Präferenzen abzufragen. Das schaffe dann Nachfrage auf dem Kapitalmarkt und stimuliere Veränderung.

Bei Sustainable Finance gehe es auch um die Stabilität im Wirtschaftssystem überhaupt, betonte Jeromin, „also nicht um den 150sten Green Bond, sondern um die Transformation ALLER Bonds.“ Auf den Hinweis der Moderatorin, die von der EU-Kommission geplante Klassifizierung für grüne Anlagen fokussiere sich auf die Nische und enthalte keine Mindestkriterien für Großanleger, bemängelte sie: „Die EU-Kommission verliert das große Ganze aus dem Blick. Das sollten Medien aufgabeln“, und aufpassen, dem nicht auf den Leim zu gehen.

Im Übrigen zeigte die lebhafte Diskussion, dass die Teilnehmenden aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft ziemlich wenig Einblick in die Zwänge des Arbeitsalltags von Journalisten erhalten – und wohl infolgedessen auch wenig Verständnis für ihre Arbeit haben. Dazu erläuterte Dohmen: „Die Anforderungen an die Journalisten sind gestiegen, sie müssen heute schneller und hintergründiger arbeiten.“ Dies spiele sich unter wirtschaftlich stark veränderten Bedingungen ab. Viele Redaktionen seien zusammengelegt oder verkleinert worden. „So hat sich seit Anfang der 90er Jahre die Zahl der festangestellten Journalisten nahezu halbiert. Immer mehr Arbeit erledigen Freiberufler – oft schlecht bezahlt. Jeder Dritte ist Geringverdiener.“

Ein eingängiger Weg, gleichwohl mehr Bewusstsein zu schaffen, führe über mehr Visualisierung, hieß es weiter aus dem Publikum – so wie es der Economist regelmäßig vormache. Und ein Teilnehmender fragte auffordernd: „Wo ist die Lust, über die Lebensgrundlagen dieser Welt zu sprechen? Das anzustoßen und durch positive Botschaften Lust auf Veränderung zu machen, ist Aufgabe der Medien.“ Die Moderatorin verwies darauf, dass es nicht nur in Deutschland eine stetig wachsende Gruppe von Journalistinnen und Journalisten gebe, die sich dem kritisch-konstruktiven Journalismus oder dem lösungsorientiertem Journalismus verschreiben. So sei Netzwerk Weitblick wenige Tage zuvor Kooperationspartner bei einem Workshop konstruktiver Journalisten gewesen. Ihr Fazit: „Zukunftsorientierter Journalismus macht es sowohl nötig, die noch immer große Menge an nicht-nachhaltigen Aktivitäten zu entlarven, als auch Lösungsansätze zu recherchieren und über existierende Lösungen zu berichten.“

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